Grenzen setzen ohne Schuldgefühl – warum ein schlechtes Gewissen nicht bedeutet, dass deine Grenze falsch ist
- evelynwildermann
- 11. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
«Eigentlich müsste ich Nein sagen. Aber dann habe ich sofort ein schlechtes Gewissen.»
Diesen Satz höre ich im Coaching immer wieder. Gerade von Frauen, die beruflich viel Verantwortung übernehmen, zuverlässig sind, mitdenken und für andere da sind. Frauen, auf die man sich verlassen kann und die oft sehr lange funktionieren, bevor sie sich selbst eingestehen, dass etwas zu viel geworden ist.
Genau diese Eigenschaften können irgendwann zum Problem werden. Nicht, weil Verantwortungsbewusstsein, Loyalität oder Hilfsbereitschaft falsch wären, sondern weil aus einem bewussten Ja mit der Zeit ein automatisches Ja werden kann. Man übernimmt eine weitere Aufgabe, springt noch einmal ein oder erfüllt noch eine zusätzliche ausgesprochene oder sogar unausgesprochene Erwartung, obwohl man längst spürt: Eigentlich ist meine Grenze erreicht.
Warum fällt es trotzdem so schwer, Nein zu sagen?
Warum ein Nein viel mehr sein kann als nur ein Nein
«Man muss einfach lernen, Nein zu sagen.» Dieser Satz klingt zunächst logisch. Nur: Einfach ist daran für viele Menschen gar nichts.
Denn wenn du zwar weisst, dass du eine Grenze setzen solltest, gleichzeitig aber Gedanken auftauchen wie «Was denken die dann von mir?», «Halten sie mich für nicht belastbar?» oder «Was, wenn ich dadurch berufliche Nachteile habe?», dann geht es längst nicht mehr nur um eine zusätzliche Aufgabe. Es geht um Anerkennung, Sicherheit, Zugehörigkeit und häufig auch um das eigene Selbstbild.
Unter diesen Gedanken kann eine noch tiefere Angst liegen: Wenn ich nicht mehr so funktioniere, wie andere es von mir erwarten, gehöre ich dann noch dazu? Genau deshalb beginne ich im Coaching nicht zuerst mit der Frage, wie jemand besser Nein sagen kann.
Mich interessiert zunächst etwas anderes: Warum fühlt sich dieses Nein überhaupt so gefährlich an?
«Man hat mir das so beigebracht»
Viele unserer heutigen Reaktionen haben eine Geschichte. Innere Regeln wie «So macht man das», «Man hilft», «Man stellt sich nicht so an», «Enttäusche die anderen nicht» oder «Mach keinen Ärger» können uns über viele Jahre geprägt haben.
Nicht immer wurden solche Sätze ausdrücklich ausgesprochen. Manchmal lernen wir einfach durch Erfahrung, welches Verhalten Anerkennung bringt und welches Konflikte auslöst. Wir lernen, Erwartungen zu erfüllen, uns anzupassen, Harmonie herzustellen und vielleicht sogar, dass Zugehörigkeit davon abhängt, wie gut wir funktionieren.
Eine Klientin sagte einmal zu mir: «Man hat mir das so beigebracht und es passiert immer ganz automatisch.» Dieser Satz beschreibt sehr gut, worum es geht.
Wenn ein Verhalten automatisch geworden ist, bedeutet das nicht, dass wir keine Wahl haben. Es bedeutet aber häufig, dass wir unsere Wahl zunächst gar nicht mehr wahrnehmen. Zwischen einer Anfrage und unserem Ja liegt dann kaum noch ein bewusster Entscheidungsraum.
Wir reagieren, bevor wir wirklich geprüft haben, was wir selbst wollen und was wir noch leisten können. Erst hinterher merken wir, dass wir wieder über unsere eigene Grenze gegangen sind.
Schuldgefühle sind nicht automatisch dein Gegner
Viele Menschen möchten genau dieses Schuldgefühl möglichst schnell loswerden. Ich sehe das differenzierter.
Ein Schuldgefühl kann ein wichtiges Signal sein. Nicht zwingend dafür, dass wir etwas falsch gemacht haben, sondern dafür, dass zwei innere Bedürfnisse oder Überzeugungen miteinander kollidieren. Auf der einen Seite steht vielleicht: «Ich möchte niemanden enttäuschen.» Auf der anderen: «Ich kann nicht ständig über meine eigenen Grenzen gehen.»
Beides fühlt sich in diesem Moment real an.
Wenn wir nun versuchen, uns das erste Gefühl einfach auszureden, entsteht häufig eine noch stärkere innere Spannung. Dann sagen wir uns Dinge wie: «Ich darf kein schlechtes Gewissen haben», «Ich muss stärker werden» oder «Ich sollte mich nicht so sehr darum kümmern, was andere denken».
Damit kämpfen wir aber nicht mehr nur mit der ursprünglichen Situation. Wir beginnen zusätzlich, gegen unsere eigenen Gefühle und Überzeugungen anzukämpfen. Das kann eine starke innere Zerrissenheit erzeugen.
Für mich geht es deshalb nicht darum, diese Gefühle als falsch abzutun. Es geht darum, zu verstehen, warum sie da sind und welche Geschichte oder Überzeugung hinter ihnen steht.
Wem gegenüber werde ich gerade untreu?
Für mich gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen dem Schuldgefühl gegenüber anderen und dem unangenehmen Gefühl, das entsteht, wenn wir merken, dass wir uns selbst wieder übergangen haben.
Das Schuldgefühl gegenüber anderen kann dazu führen, dass wir immer weiter leisten: «Ich kann die anderen jetzt doch nicht hängen lassen.» Das andere Gefühl entsteht häufig später, wenn wir erkennen: «Ich weiss eigentlich längst, dass mir das nicht guttut – und trotzdem mache ich genauso weiter.»
Dieses Gefühl sollte nicht dazu führen, dass wir uns nun auch noch selbst verurteilen. Es kann aber ein wichtiges Entwicklungssignal sein, weil es uns zwingt, ehrlicher hinzusehen.
Was kostet mich dieses Verhalten eigentlich? Was macht es mit meiner Energie und meiner Erholung? Wie häufig sage ich Ja, obwohl in mir längst ein Nein vorhanden ist?
Und vielleicht noch wichtiger: Wenn ich diese Angst vor Ablehnung, Enttäuschung oder beruflicher Bewertung nicht hätte – würde ich mein Arbeitsleben genauso führen wie heute?
Grenzen setzen beginnt mit innerer Klarheit
Für mich bedeutet Selbstführung nicht, dass man plötzlich keine Angst mehr haben darf. Auch ein klares Nein kann sich zunächst unangenehm anfühlen.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob ich verstehe, warum ich eine Grenze setze. Wenn ich weiss, was ständige Selbstüberforderung mit meiner Energie, meiner Erholung und meiner langfristigen Belastbarkeit macht, verändert sich meine innere Position.
Dann halte ich eine mögliche Enttäuschung meines Gegenübers nicht einfach irgendwie aus. Ich weiss, wofür ich es tue: für meine Gesundheit, für meine Energie, für meine langfristige Leistungsfähigkeit und letztlich für mich selbst.
Aus einem «Hoffentlich sind sie jetzt nicht enttäuscht von mir» kann langsam ein anderer Gedanke werden: «Ich verstehe, dass meine Entscheidung nicht jedem gefallen muss. Trotzdem ist sie für mich richtig.»
Das ist etwas völlig anderes, als sich lediglich vorzunehmen, künftig härter oder konsequenter zu sein. Innere Klarheit entsteht nicht dadurch, dass wir unsere Gefühle wegdrücken. Sie entsteht dadurch, dass wir verstehen, was in uns wirkt und welche Entscheidung wir selbst treffen wollen.
Nicht jedes Problem liegt in dir
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig: Persönliche Entwicklung darf niemals dazu führen, dass wir jedes Problem im Aussen zu unserem eigenen inneren Thema erklären.
Es gibt Arbeitsumfelder, in denen Grenzen tatsächlich schlecht aufgenommen werden. Es gibt Führungskräfte, die dauerhaft zu viel verlangen, und Unternehmenskulturen, in denen Menschen, die Grenzen setzen, reale Nachteile erleben können.
Dann wäre es falsch zu sagen: «Du musst einfach an deiner Angst vor Ablehnung arbeiten.» Innere Arbeit verändert nicht automatisch äussere Rahmenbedingungen.
Deshalb gehört zur Selbstführung auch die Fähigkeit, die Realität nüchtern einzuschätzen. Ist meine Angst eine alte Erfahrung, die ich auf die heutige Situation übertrage? Oder gibt es konkrete Hinweise darauf, dass mein Arbeitsumfeld meine Grenzen tatsächlich nicht respektiert?
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Denn wenn das Umfeld dauerhaft schlecht mit Grenzen umgeht, besteht die Lösung möglicherweise nicht darin, sich immer besser an diese Situation anzupassen.
Dann kann eine grössere Frage entstehen: Was möchte ich unter diesen Bedingungen eigentlich für mich entscheiden?
Ich kenne dieses «So macht man das» selbst
Auch ich habe lange sehr stark nach solchen inneren Regeln gelebt. «So macht man das.» «Enttäusche niemanden.» «Sei für andere da.»
Viele Menschen durften sehr nah an mich heran, manchmal näher, als es mir eigentlich guttat. Damals hätte ich wahrscheinlich nicht gesagt, dass ich keine Grenzen habe. Ich hätte eher gedacht, dass ich verantwortungsvoll, loyal und zuverlässig bin.
Genau darin liegt die Schwierigkeit. Eigenschaften, die wir grundsätzlich an uns mögen, können irgendwann gegen uns arbeiten, wenn wir ihnen nicht mehr bewusst folgen, sondern automatisch.
Heute liegt für mich deshalb ein entscheidender Unterschied nicht zwischen «hilfsbereit» und «nicht hilfsbereit». Der Unterschied liegt zwischen zwei inneren Positionen: Ich entscheide mich bewusst dafür. Oder: Ich glaube, ich muss es tun.
Ein Nein muss nicht gegen andere gerichtet sein
Eine Grenze bedeutet nicht automatisch: «Du bist mir egal.» Sie kann ebenso bedeuten: «Ich nehme mich ebenfalls ernst.»
Vielleicht ist genau das für viele Frauen einer der schwierigsten Schritte. Nicht härter zu werden, nicht egoistischer und nicht weniger mitfühlend, sondern sich selbst ebenfalls in die Gleichung aufzunehmen.
Wenn du beim Gedanken an ein Nein Schuldgefühle bekommst, musst du diese deshalb nicht sofort loswerden. Vielleicht lohnt es sich zunächst, ihnen zuzuhören und herauszufinden, was sie dir eigentlich zeigen.
Was genau macht dir Angst? Wessen Enttäuschung versuchst du zu verhindern? Was glaubst du, könnte passieren, wenn du eine Erwartung nicht erfüllst? Und was passiert mit dir, wenn du weiterhin jede Erwartung erfüllst?
Grenzen setzen beginnt nicht beim Wort Nein. Es beginnt dort, wo du wieder erkennst, dass du eine Wahl hast.

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